Am Tag der völkerrechtswidrigen Anerkennung der Seperatisten-Gebiete in der Ukraine durch Russland erreicht Critizen ein Briefwechsel aus Kiew. Die Reaktion aus der Ukraine überrascht und beschämt in ihrer Offenheit und Geradlinigkeit. In Deutschland muss man sich danach fragen, ob die Lust an der Selbstkritik in Wirklichkeit eine Form verschleiernder Ichbezogenheit ist, die selbst politische Großthemen in eine eigene Schublade zwängt. Dem Brief stellt Critizen eine erläuternde wie auch medienkritische Einordnung voran. 

Autor

Anna Sarmina

Foto

SLUB Dresden: Deutsche Fotothek: Hermann Großmann: Kiew Brücken, 1958

Datum

23. Februar 2022

Kategorie
Teilen
Autor

Anna Sarmina

Foto

Kiew Brücken, 1958: Hermann Großmann: SLUB Dresden: Deutsche Fotothek

Datum

23. Februar 2022

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Für die westliche Staatengemeinschaft und ihre Freunde ist es ein Schock mit Ansage. Mit der Anerkennung von Donezk und Luhansk durch den russischen Präsidenten Wladmir Putin steigt die Kriegsgefahr in der Ukraine exorbitant. Der 21. Februar 2022 markiert einen weiteren Eintrag Putins in der Liste zum Bruch des Völkerrechts. Beginnend mit Transnistrien, gefolgt von Südossetien und Abchasien, führt der russische Autokrat diese Liste seit 2001 unangefochten an.

Wenige Stunden nach der Anerkennung der selbsternannten „Volksrepubliken“ lässt Putin seine Soldaten in das Gebiet einmarschieren. Vielen in Deutschland, besonders jenen mit Kontakten in die Ukraine, dämmert es jetzt, dass sie einer historischen Situation beiwohnen, einer Situation, die vergleichbar mit 1989/90 und 2001 ist, die in ihrer Dynamik schwindelig macht. Es ist eine Situation, bei der klar wird, dass die Diplomatie am Ende ihrer Möglichkeiten ist, dass dieser Konflikt nicht ein isolierter Konflikt eines scheinfernen, unbekannten Landes in Osteuropa ist, das tatsächlich in Wirklichkeit nur vier Autostunden von Wien entfernt ist, sondern dass dieser Konflikt die Lebensweise und das Selbstverständnis der letzten 30 Jahre nahezu aller Länder in Europa infrage stellt.

Vor diesem Hintergrund erreicht Critizen an diesem denkwürdigen Tag ein Briefwechsel zwischen zwei Freunden in Deutschland und der Ukraine. Zwei Welten urteilen über die gleiche Lage. Zuvor hat der Deutsche Hilfe für die Familie in Kiew angeboten, wenn sie bei einem russischen Einmarsch fliehen muss.

In seinem Brief spricht der Deutsche an, dass er sich für das zögerliche Verhalten der deutschen Regierung fremdschämt. Es geht um jene 5.000 Helme, die zu einem Symbol der außenpolitischen Schwäche für die wirtschaftlich führende Nation Europas geworden sind. In der deutschen Selbstwahrnehmung stehen diese Helme für einen Offenbarungseid einer rückgratlosen Außenpolitik. In der deutschen Öffentlichkeit werden die Entwicklungen in der Ukraine in Tagen vor dem Einmarsch russischer Truppen im Osten der Ukraine immer vor dem Hintergrund dieser Kopfbedeckungen diskutiert und bewertet. Die Helme stehen stellvertretend für den Umgang Deutschlands mit einer befreundeten Nation in Not.

Die Entgegnung aus Kiew ist bemerkenswert. Wie so oft zeigt sich, dass Unmittelbarkeit den Blick schärft.

Mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht Critizen in Auszügen eine ukrainische Stimme am Tag des russischen Einmarsches, die sich in ihrer Bewertung fundamental von der deutschen Agenda unterscheidet. Da aus einem privaten Austausch zitiert wird, wurde allzu Persönliches entfernt.

- die Redaktion / ken -

Danke für Deine Unterstützung in dieser schwierigen Zeit. Um es ehrlich zu sagen, verstehe ich nicht warum Du davon überzeugt bist, dass Deutschland an der aktuellen Situation schuldig ist. Europa und die EU haben nämlich die Ukraine immer unterstützt, doch unser Land hat sich keine Mühe gegeben, um wirtschaftlich und politisch stärker zu werden.

Die Ukraine hat Ressourcen, hätte den Agrarsektor entwickeln können, denn sie war zu sowjetischen Zeiten in der Lage alle 15 Republiken mit Lebensmitteln zu versorgen, einschließlich Russland. Das alles haben wir vergeigt. Alle Betriebe wurden zu Einkaufszentren und Unterhaltungs-Hubs. Was haben wir nun?

Das Ausbildungssystem ist kaputt, das Gesundheitswesen ist zerstört, die Wirtschaft ist in einer tiefen Krise, unsere Politiker sind nicht vertrauenswürdig, meine Mitbürger haben einen schlechten Ruf. Das alles wurde von uns selbst gemacht.

Deutschland und andere Länder sollen in erster Linie an ihre eigenen Bürger denken und deren Sicherheit, und das tun sie natürlich, im Unterschied zur Ukraine.

Die Ukraine kann ich nur mit einem aufdringlichen Verwandten vergleichen, der oft säuft und viel und immer um Almosen bittet, dabei immer verspricht, sich zu bessern. Wir haben jahrelang finanzielle Unterstützung bekommen, um Korruption zu bekämpfen, und sie blüht weiter, um die Militärmacht zu verstärken, und die sieht niemand. Jetzt müssen alle Bürger, die hier leben, die Konsequenzen ertragen. Alle Politiker sind weggeflogen, mit Kind und Kegel sozusagen, mit privaten Flugzeugen. Und wir bleiben und warten, was weiter kommt. Es bleibt allein zu hoffen, dass es zum vollen Einsatz der russischen und belorussischen Truppen nicht kommt.

Ich würde diese Kritik noch mild nennen. Die Realität ist so, dass unsere Regierung Darlehen und Hilfe vom Ausland entgegengenommen hat, sie hat davon profitiert. Wir zahlen 8 Jahre „Kriegssteuern“, und wo ist dieses ganze Geld? Und was nun? Sie alle sind mit ihren Familien weg, und durchschnittliche Menschen müssen das auslöffeln.

[Mein Sohn*] ist in Leipzig, er hat das Semester beendet. Er kommt hierher in absehbarer Zeit nicht. Wenn hier in Kiew etwas beginnt, versuche ich [meine Tochter*] zu ihm zu schicken.

Schöne Grüße

Anna

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*Die Namen sind bekannt – red.

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