Postkolonialismus ist nicht minder gefährlich als Rassismus. Dem Sprechen über den Globalen Süden wohnt mit seiner intendierten Erbsünde des Westens eine zugleich modernisierte Form des linken Antisemitismus inne. Analyse und Kritik vor dem Hintergrund einer Aussage von Achile Mbembe, einem Vordenker der postkolonialistischen Theorie.
Christoph Joppich
Ausgelassener Kolonialwarenladen in Osterhofen, Bayerischer Wald: Ralph Kendlbacher 2012: Critizen Media
25. September 2025
Die Erfahrung Israels ist durch ein Fetischisieren und Ökonomisieren des Holocausts geprägt. In der Weltgeschichte haben die Unglücklichen nur allzu oft den Wunsch entwickelt Blut zu vergießen, egal welches. Für seine Funktionsweise fordert der Fetisch unendliche Opfergaben um den Opfergott zu befriedigen. Das Begehren der Sühne ist zentral für die Opferökonomie, sie nimmt die Form eines Rachegeistes an – Auge um Auge, Zahn um Zahn -, im Einklang mit den alten monotheistischen Religionen. Das israelische Staatssubjekt ist hasserfüllt und kann niemals aufhören, den Tod durch das Opfer nachzuahmen und das, was ihm angetan wurde, anderen in seiner Ganzheit ebenso anzutun.
Diese zweifelsohne antisemitische Aussage ist, so könnte man meinen, den Federn von Revisionisten wie Ernst Nolte, Neofaschisten wie Björn Höcke oder vormals Querfrontpopulisten wie Martin Walser oder Günter Grass entsprungen. Sie greift die alte Lüge eines vermeintlichen Schuldkults, so die rechtsextreme Chiffre, im nachnationalsozialistischen Deutschlands auf. Es ist der Vorwurf einer Holocaustinstrumentalisierung durch den jüdischen Staat, jahrzehntelang von deutschen Konservativen, Liberalen, Neonazis und Teilen der Linken perpetuiert.
Tatsächlich geht diese Aussage jedoch auf den südafrikanischen Vordenker des Postkolonialismus und BDS-Anhänger Achille Mbembe zurück, getätigt erst 2008 – also nach der Konjunktur der Holocausterinnerung in den 90er Jahren. Sinnbildlich repräsentiert sie die Deutung der Shoah innerhalb der sogenannten Postcolonial Studies und deren dezidiert linken Angriff auf die Erinnerungspolitik des Holocaust.
Im öffentlichen Meinungsaustausch ist der Begriff Postkolonialismus mittlerweile zu einem Global Player aufgestiegen. Ob im Feuilleton, an den Universitäten, in linken Plenardebatten, im Kulturbetrieb, in der Außenpolitik, ob in Berlin, New York, Buenos Aires, Jakarta, Delhi, Kapstadt oder London: Diskussionen über Wesen und Fortleben des Kolonialismus sind allgegenwärtig.
Dabei sind die meisten Fremd- und Eigenbilder des Postkolonialismus grundsätzlich positiv. Er gilt als theoretische Stimme der vermeintlich Subalternen, der ehemaligen Kolonien Westeuropas in Amerika, Afrika und Asien und ihrer zeitgenössischen Gesellschaften. Zudem adressiert Postkolonialismus rassistische Denkformen innerhalb der ehemaligen Kolonialmächte, insbesondere wenn migrantische Personen die alten Kolonien für die vomaligen Mutterländer verlassen haben.

BDS-Anhänger, Holocaust-Verharmloser Mbembe. Foto: Heike Huslage-Koch/Wikipedia
Dabei ist der Postkolonialismus nicht nur eine kritische Theorie, im Gegenteil: Jüngst ist er vermehrt als Sprachrohr manichäischer Weltanschauungen aufgetreten. Am deutlichsten wurde dieser Doppelcharakter im sogenannten Historikerstreit 2.0: So waren es in den letzten Jahren insbesondere postkoloniale Wissenschaftler wie eben Mbembe, die dem Holocaust die Präzedenzlosigkeit absprachen und ihn durch Gleichsetzungen mit anderen Menschheitsverbrechen relativierten, vornehmlich kolonialer Gräueltaten.
Zur Erinnerung: Im ersten Historikerstreit kämpften in den 80er-Jahren nationalkonservative Revisionisten um Ernst Nolte gegen postnationale Verfassungspatrioten um Jürgen Habermas; letztere wurde von Vertretern der Holocaustforschung unterstützt.
Die als Revisionisten benannten Anhänger Noltes deuteten den Holocaust sowie den antislawischen Vernichtungskrieg der Nazis als Notwehr gegen den Bolschewismus. Die Unterstützer der Habermasschen Singularitätsthese dagegen, die den industriell organisierten Holocaust im Dritten Reich als einmalig beschrieben, beharrten auf dem präzendenz- und grundlosen Tathergang der sogenannten Endlösung seitens der Deutschen und ihrer Vasallenstaaten.
Postkolonialimus ist ein aktualisierter Antisemitismus. Er setzt Holocaust und Kolonialverbrechen, die Verteidigungspolitik Israels und den Vernichtungsimperailisus des Nationalsozialismus gleich.
Christoph Joppich
Wikimedia Commons: Michael Lucan: CSU reserviert
25. September 2025
Die Formel Stalinismus ist gleich Nazi-Faschismus und das Phantasma eines Abgeltens der Gaskammern durch britische Bomben auf deutsche Barockstädte waren die bis hierhin gängigsten Formen der Holocaustrelativierung; sie wurden jahrzehntelang von rechten Vordenkern der Bonner Republik vertreten und nun akademisch infrage gestellt.
Der neue Historikerstreit greift diese Debatten unter umgekehrten Vorzeichen auf: Postkoloniale Prominenz wie Edward Said, Achille Mbembe oder Michael Rothberg behaupten eine Gleichrangigkeit zwischen Holocaust und Kolonialverbrechen oder setzen die Besatzungs- und Verteidigungspolitik Israels mit dem Vernichtungsimperialismus des Nationalsozialismus gleich.
Symptomatisch ist etwa der Fall Michael Rothberg, Inhaber eines Lehrstuhls zur Holocaustforschung in Los Angeles; er behauptet, er versuche ein Wetteifern der Opfer zu entwirren und hat mit seinem Buch Multidirektionale Erinnerung maßgeblich zur zeitgenössischen Verharmlosung der Shoah seitens des linken Lagers beigetragen. Während die einen sein Buch als Ausweg aus einer vermeintlichen Opferkonkurrenz feiern, warnen andere wie vor dem Missbrauch dieses Ansatzes durch Nationalapologeten, die NS-Verbrechen damit in ein universalistisches Entlastungsnarrativ einordnen könnten. Der Historiker Jan Gerber spricht denn auch von Stichworten einer neuen Form der Holocaustrelativierung. Es ist daher angezeigt, den Begriff Postkolonialismus historisch zu rekonstruieren und zu klären, in welchen Momenten er von einer Befreiung beanspruchenden Bewegung zu einer Herrschaft legitimierenden Ideologie umgeschlagen ist, deren Wesenskern ein aktualisierter Antisemitismus bildet.

Gestürzte Carl-Peters-Statue auf Helgoland. Bärbel Miemietz/Wikipedia Commons
Dabei ist der Begriff des Postkolonialismus per se irreführend. Wörtlich bedeutet er so viel wie Nachleben des Kolonialismus oder Die Zeit nach dem Kolonialismus. Als Begriff der Kritik zielt er darauf ab, ein Fortleben kolonialer Weltanschauungen und Gewaltpraktiken zu denunzieren.
In dieser Hinsicht unterscheidet sich dieser Begriff vom sogenannten Neokolonialismus, der stringent neue Formen ökonomischer Kolonialisierung erfasst. Denkbar wären hier etwa die privatwirtschaftlich vermittelten Extraktivismen in Lateinamerika durch westliche Unternehmen oder die aggressive Einhegung ganzer Wirtschaftszweige im globalen Maßstab durch China.
Zuletzt ist Postkolonialismus nicht mit Antikolonialismus zu verwechseln: Hierunter versteht man jene republikanischen Bestrebungen in den Peripherien alter Kolonialimperien, die unabhängige Nationalstaaten gründeten.
Die nationalen Befreiungsbewegungen Afrikas und Asiens im letzten Jahrhundert sind Ausdruck dieses Bestrebens. Und natürlich gibt es allerlei Überschneidungen zwischen diesen Tatbeständen. Ob etwa die französische Interessenpolitik in Teilen Afrikas eine Form des Post- oder Neokolonialismus darstellt, wäre Gegenstand einer spannenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung.
In diesem Text geht es aber um die bereits erwähnten Postcolonial Studies, also jene Forschungsstränge, welche sich mit dem Postkolonialismus auseinandersetzen. Im Deutschen spricht man nicht von Studien zum Postkolonialismus oder Postkolonialismusforschung, sondern einfach vom Postkolonialismus. Daher meint dieser signifikant im Folgenden nicht den kritischen Begriff des Postkolonialismus als Nachleben des Kolonialismus, sondern explizit die Postcolonial Studies.
Nationalismus im 20. Jahrhundert – eine Vorgeschichte
Aus historischer Retrospektive liegt die Genese des Postkolonialismus in den zerfallenden, sich überschlagenden und neu auftürmenden weltpolitischen Konfliktlinien des kurzen 20. Jahrhunderts. Die mexikanische Revolution 1910, die russische Februarrevolution 1917 und die Novemberrevolution in Deutschland 1918 läuteten mit recht unterschiedlichen Ergebnissen das Ende der Ancién Regimes ein.
Der Bezugsrahmen des langen neunzehnten Jahrhunderts, der durch den Widerspruch Liberalismus versus Konservatismus vermittelt war, wurde gesprengt. Interessanterweise waren es vornehmlich rückständige Gemeinwesen wie Mexiko, Russland und die deutschen Staaten, in denen dezidiert linke Revolutionen die alten Machthaber entthronten. Der doppelte Kern der fortschrittlichen Welt, der einerseits in den Vereinigten Staaten und andererseits in den bürgerlichen Kolonialimperien Frankreich und England lagerte, war schlagartig mit einer Opposition konfrontiert, die Geschichte nicht arretieren, sondern beschleunigen wollte.
Das Ursprungsereignis der Bipolarität liegt so gesehen nicht in der Teilung Deutschlands oder dem Koreakrieg, sondern kann deutlich früher auf den russischen Bürgerkrieg 1917 mit seinen vom Westen unterstützten Konterrevolutionären datiert werden.
Diese verkehrte Tradierung einer alten Konfliktlinie zwischen Westeuropa und Prussia and Russia war aber nicht die einzige Polarität, die mit dem großen Krieg und dem neuen Jahrhundert freigesetzt wurde. Ethnische Konflikte explodierten. Die Gründung einer Vielzahl republikanischer Nationalstaaten, welche aus den multiethnischen Monarchien Osteuropas und Westasiens hervorgingen, entmischte die überkommene absolutistische Staatenordnung. Griechen, Armenier, Juden, Kurden, Serben, Kroaten, Bosniaken, Polen, Ukrainer wurden gewaltsam auf ihre neuen nationalstaatlichen Territorien tariert, nicht selten durch Vertreibung und Vernichtung, wie etwa in Anatolien.
Die gerade in den Verlierernationen entstehenden nationalrevolutionären Bewegungen strapazierten diese Vorstellungen rassistischer Raumordnungen ins Totalitäre. Oft als verspätete Nationen bezeichnet, sollte Deutschland, Österreich, Italien, Kroatien, Rumänien und Ungarn später zu den grausamen Exekutoren der faschistischen Vernichtungsfeldzüge in Europa, Nordafrika und Westasien werden.
Blockkonfrontation verlängerte den Kolonialismus
Anders im Westen: Aufgrund ihrer bereits abgeschlossenen Nationenbildung und dem Erhalt ihrer jeweiligen Kolonien, die eine relative ökonomische Absicherung bedeuteten, nahmen sich Großbritannien und mit Abstrichen auch Frankreich aus der nationalistischen Zuspitzung Europas weitestgehend aus. Später wurden sie neben der Sowjetunion zu den kontinentalen Hauptakteuren der globalen Anti-Hitlerkoalition, eine Rolle, die nur allzu oft den Blick darauf versperrt, dass eine Hauptlast der alliierten Kriegsleistung nicht von den Bürgern der Mutterländer, sondern durch zwangsrekrutierte Soldaten aus den Kolonien getragen wurde.
Inder, Marokkaner, Algerier, Südafrikaner und viele andere waren maßgeblich daran beteiligt, den globalen Faschismus niederzuringen. Der eurozentrische Blick, der je nach Perspektive auf die zweifelsohne bedeutsamen Leistungen von Roter Armee, US Army, Royal Air Force oder sozialistischen und nationalistischen Partisanen auf den germanisierten Gebieten schaut, vergisst das häufig.

Postkoloniale Theorie in Aktion, Berlin, November 2023. Lukas Beck/Wikipedia
Dabei war in der Kriegsbeteiligung der Kolonien ein Freiheitsversprechen enthalten, für dass sich insbesondere die USA als postkolonialer Akteur einsetzte: Als Gegenleistung für ihren Einsatz im antifaschistischen Krieg wurde den französischen und britischen Kolonien die Unabhängigkeit versprochen, nachträglich jedoch wieder verwehrt.
Die Kolonialmächte verlängerten ihre Unterdrückung in die Blockkonfrontation hinein. Einige der wichtigsten Kämpfe des frühen Kalten Krieges sind weniger durch die Konfliktlinie Kapitalismus versus Kommunismus, sondern durch die nationalen Befreiungsbewegungen in Algerien und Indochina gekennzeicchhnet.
Auch das blendet der eurozentrische Blick häufig aus: Unter dem kolonialen Joch konnte es weniger um die innerbürgerliche Auseinandersetzung Freiheit versus Gleichheit gehen, sondern vielmehr um die Herstellung von bürgerlichen Zuständen wie Grundrechten, Rechtsstaatlichkeit, Republikanismus, Geschlechterliberalisierung, ökonomischer Modernisierung als ihre conditio sine qua non.
Postkolonialismus hat mit faschistischen Denkformen zu tun
Die Kinderkrankheit des Postkolonialismus liegt in dieser mentalitätsgeschichtlichen Konstitution des Antikolonialismus begründet.
Mit vollem Recht bestanden die nationalen Befreiungsbewegungen auf Selbstbestimmung und Beseitigung der alten Machthaber. Ihr antifaschistischer Einsatz im zweiten Weltkrieg wurde dagegen nicht mit Freiheit, sondern mit einer Verschärfung der kolonialen Unterdrückungsherrschaft belohnt.
Im Widerstand gegen diese Rechtlosigkeit wurden die Begriffssysteme aus der ersten Hälfte des kurzen Jahrhunderts übernommen: Der antikoloniale Kampf gegen Frankreich war für Algerien ebenso selbstverständlich antifaschistisch, wie es der Kampf gegen die Wehrmacht und das faschistische Italien Jahre zuvor gewesen war. Die rassistische Praxis des Vichy-Regimes, das faschistische und koloniale Herrschaft tatsächlich amalgamierte, verschärfte diese Eindeutigkeit.
Zwischen Antikolonialismus und Antifaschismus wurde eine Identität hergestellt, welche den Unterschied zwischen bürgerlichem Kolonialismus und totalitärem Faschismus verflüssigte. Die Konfliktlinie des zweiten Weltkrieges überwölbte die Kämpfe der nationalen Befreiungsbewegungen im Kalten Krieg.
Diese Überlagerung grundverschiedener Bezugsrahmen rassifizierte die Konfliktlinie Antikolonialismus versus Kolonialismus. Wie schon bei den Nationenbildungen in Osteuropa wurden damit ethnische Sollbruchstellen aufgerissen.
Die Staatsgründungen in Algerien, Israel und Indien, um nur einige zu nennen, gingen mit der millionenfachen Vertreibung von Franzosen, Palästinensern, arabischen Juden und indischen Muslimen einher.
Gleichzeitig beförderten die Sogwirkungen des Kalten Krieges und die antiimperialistische Ideologie, wie sie insbesondere im Maoismus und Guevarismus entfaltet wurde, eine Essentialisierung der ineinander verkeilten Konfliktlinien – also kultureller, sozialer und körperlicher Merkmale wie Religion, Ethnie, Identität, Geschlecht, Sexualität und Hautfarbe.
Rassifizierte Fehleinschätzung: Proletarische Kolonialvölker gegen bourgeoise Plutokratien
In einer biologistischen Umdeutung und völligen Fehlinterpretation der Marxschen Klassentheorie wurden die ehemaligen Kolonien als proletarische Völker und der Westen als bourgeoise Plutokratien definiert. Dass dieses Schema neben Lenin von den Nazis übernommen wurde, sei nur am Rande erwähnt.
Nich von ungefähr verwies Theodor W. Adorno bereits in den 50er Jahren auf die Tendenz der antikolonialen Nationalismen, sich an Versatzstücken faschistischer und nazistischer Ideologie zu bedienen.
Zusammengefasst: Der Antikolonialismus übernahm, nicht ganz zu Unrecht, das Bezugsystem des Antifaschismus. Unter den Bedingungen des Kalten Krieges wurde diese Identität jedoch von der antiimperialistischen Weltanschauung durch faschistische Denkformen ein weiteres Mal umgestaltet. Damit regredierte der Antikolonialismus hinter seinen ursprünglich bürgerlichen und universalistischen Anspruch. Aus einer im besten Sinne freiheitlichen Bewegung wurde eine antibürgerliche.
Das zeigte sich bereits in den Gemeinwesen an, welche die nationalen Befreiungsbewegungen nach ihrer Unabhängigkeit installierten. Nur in den seltensten Fällen waren jene demokratisch, rechtsstaatlich, pluralistisch, republikanisch. In vielen Ländern wurden wahlweise quasifeudale Militärdiktaturen oder realsozialistische Einparteiensysteme installiert, der Entwicklungsstand der Kolonialzeit konnte in vielen Fällen nicht überwunden werden.
Armut, Entwicklungsrückstand, politische Instabilität: Postkolonialismus externalisiert Verantwortung.
Vielen gilt der Postkolonialismus als nachholende Stimme der Gerechtigkeit, welche das Fortleben des Kolonialismus kontinuierlich hervorhebt und ankreidet. Es wäre wohlfeil, dieses Fortleben zu leugnen oder dem Postkolonialismus dahingehend seine Berechtigung abzusprechen. Allerdings ist es eben nicht diese Form der immanenten Kritik, welche den Wesenskern des Postkolonialismus auszeichnet, sondern ihr Gegenteil: Die zentrale Funktion des Postkolonialismus ist eine legitimationsideologische Absicherung der Fehler des Antikolonialismus.
Das nach wie vor existierende Elend in den ehemaligen Kolonien wird als die unilaterale Folge des Kolonialismus und seines Nachwirkens gedeutet, die eigene Verantwortung für Entwicklungsrückstand, Armutstendenzen und politischer Instabilität wird auf den Westen externalisiert. Anstatt die postkolonialen Verhältnisse als Konstellation zwischen beiden Momenten zu verstehen, werden jene einseitig in Richtung der bourgeoisen Plutokratien aufgelöst.
Die koloniale Vergangenheit des Westens ist Faustpfand für die neoosmanische Türkei, das islamfaschistische Mullah-Régime, den russländischen Neozarismus.
Dabei sind es in der Regel gar nicht die tatsächlich Verdammten dieser Erde, welche den Finger in Richtung Europa und Angloamerika erheben. Die lautesten Fürsprecher der postkolonialen Weltanschauung sind zumeist Nationen, die bereits zu den größten Volkswirtschaften der Welt gehören und in einigen Jahren Frankreich, England und Co. hinter sich lassen werden.
Während China ganz gelassen Weltmachtansprüche stellt und tatsächlich eine Art neuen Imperialismus begründet, kann es sich mit dem Verweis auf die alten Kolonialmächte unbeeindruckt als Kern einer vermeintlichen Achse des Guten inszenieren.
Während das antiwestliche Geraune aus einigen west- und zentralafrikanischen Staaten also durchaus nachvollziehbar ist, muss man sich die Frage stellen, warum ausgerechnet China, Indien, aber auch die neoosmanische Türkei, das islamfaschistische Mullah-Régime sowie der russländische Neozarismus die koloniale Vergangenheit des Westens als Faustpfand ins Feld führen.
Einerseits erscheint vor diesem Hintergrund erscheint der Postkolonialismus als Bewusstseinsform, welche die antikoloniale Vergangenheit als ausdrücklich positiv und die koloniale Vergangenheit als ausdrücklich negativ verewigen soll. Ambivalenzen auf beiden Seiten werden aufgelöst. Während der Holocaust in die endlose Liste der Kolonialverbrechen eingeebnet wird, werden koloniale und faschistische Gewaltherrschaften miteinander gleichgesetzt.

Postkoloniale Realität in im reichsten Entwicklungsland. Voice of America/Wikipedia
Andererseits ist der Postkolonialismus durchaus zukunftsorientiert: Seine Funktion als Legitimationsideologie für die Ansprüche von China, Russland und dem Iran sollen deren antidemokratischen Anspruch moralisch absichern – nicht ganz ohne Erfolg, wie die breiten Unterstützungsbewegungen für den Xingschen Totalitarismus, den Putinschen Imperialismus oder den klerikalfaschistischen Islamismus sunnitischer und schiitischer Provenienz innerhalb des Westens zeigen.
Postkolonialer Antisemitismus oder antisemitischer Postkolonialismus? Die Unterschiede sind graduell: Gemeint ist die antisemitisch motivierte „erinnerungspolitische Wende“
Seine Genese drängt den Postkolonialismus zu einer Reproduktion von Antisemitismen, wie sie eigentlich das postfaschistische und postnazistische Milieu kennzeichnen. Dabei geht es vornehmlich um das Entwerten von Auschwitz durch Gleichsetzungen von Konzentrationslagern und Endlösungsideologie mit Verbrechen, deren Aufwertung man aus politischen Motiven zu betreiben sucht.
Der Unterschied zwischen „Free Palestine from German Guilt“ und „Schuldkult“, wie es die rechten Revisionisten zwischen Union, Neonazis und AfD formulieren, um anschließend auf vermeintliche Verbrechen der Westalliierten und der Sowjetunion zu verweisen, ist ein gradueller.
In beiden Fällen geht es um eine antisemitisch motivierte „erinnerungspoli-tische Wende um 180 Grad“ (Björn Höcke), wenn die Beweggründe auch verschieden sein mögen.
Postkolonialismus ist die akademisierte Professionalisierung des israelbezogenen Antisemitismus.
Der Postkolonialismus muss zugleich als eine adaptierte Erscheinungsform des ‚klassischen‘ linken Antizionismus, wie er seit dem Junikrieg 1967 virulent wurde, begriffen werden.
Die Angleichung von Antikolonialismus und Antiimperialismus samt ihrer ethnonationalistischen Implikationen haben den modernen Antisemitismus dahingehend transformiert, dass der „Jude unter den Staaten“ (León Poliakov) zu einem Ersatzobjekt für antisemitische Ressentiments wurde.
Der Postkolonialismus ist die modernisierte und nicht zuletzt akademisierte Professionalisierung des israelbezogenen Antisemitismus.
An Mbembes Zitat wird ersichtlich, dass es hier nicht nur um eine Umdeutung des Holocaust geht, sondern auch um eine Dämonisierung und letztendlich Delegitimierung des einzig nationalstaatlich codierten jüdischen Gemeinwesens weltweit.
Ganz gleich, was man von Israel halten mag: Eine Aufhebung seiner militärischen und institutionellen Verankerung im Nahen Osten würde bedeuten, dass eine Vielzahl antisemitischer Rackets, von den islamistischen Terrorzellen in Libanon, Palästina und dem Irak bis hin zur Theokratie der Mullahs freie Hand hätten, mit den Juden so zu verfahren, wie es in ihren Programmen ausbuchstabiert ist: Die Hälfte umbringen, den Rest vertreiben und einige Wenige als Schutzbefohlene behalten.
Dies sind die beiden hauptsächlichen Motive des Postkolonialismus, welche Antisemitismus bedingen können. Freilich ist es ein langer Weg von einer Kritik der realexistierenden postkolonialen Zustände zum Aufruf am Judenmord.
Die postkoloniale Weltanschauung ist weder inhärent antisemitisch, noch sind alle ihre Anhänger Judenfeinde. Beide Tendenzen sind jedoch feststehend angelegt und im postkolonialen Ticketdenken aufbewahrt.
Gegen die postkoloniale Konterrevolution
Der Postkolonialismus ist also eine Ideologie, welche den ökonomischen Aufstieg nichtwestlicher Staaten durch positive, mythische und überhöhte Bezugnahmen auf die eigene Vergangenheit kulturell ergänzt und diese Legitimationsideologie antisemitisch anreichert.
Damit hat er durchaus Gemeinsamkeiten mit den westlichen Nationalismen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, welche diffus und eklektisch auf vermeintliche Ursprungsereignisse der eigenen Nation verwiesen und dabei das zeitgenössische Handeln durch rassistische Überlegenheit absicherten. Angeführt seien hier etwa die antinapoleonische Befreiungskriege, die Kiewer Rus, die Gallier, die Römer, die Reconquista, und so weiter.
Der moderne Rassismus ist denn nichts anderes, als der legitimations-ideologische Versuch, die nationalstaatliche Kapitalakkumulation des Westens durch koloniale Ausbeutung zu rechtfertigen.
Apostrophierte Unterlegenheit: Das postkoloniale Narrativ ist dezidiert opferorientiert
Es wäre aber falsch und relativierend, den Postkolonialismus als ‚den neuen Rassismus‘ zu begreifen. Anders als die nationalistischen Erzählungen der „heroischen Moderne“ und ihrem Kulminationspunkt im Nationalsozialismus, ist das postkoloniale Narrativ dezidiert opferzentriert.
Nicht die Überlegenheit, sondern die vermeintliche Unterlegenheit und Betroffenheit durch äußere Gewalt steht im Zentrum.
Deswegen ist es – in der Logik des postkolonialen Arguments – auch so wichtig, den Holocaust, dessen barbarische Ausmaße die Kolonialverbrechen überschatteten, zu degradieren und den jüdischen Staat, der sich durch seine ökonomische und militärische Schlagfertigkeit den klassischen Imaginationen des Opferdiskurses versperrt, zu delegitimieren.
Postkolonialismus inzeniert sich als das Gute und rechtfertigt iranischen Sittenterror, chinesische Überwachung, russische Angriffskriege
Wenn auch etwas grundverschiedenes, ist der Postkolonialismus aber nicht minder gefährlich als der Rassismus.
Seine Möglichkeiten, sich als das Gute per se zu inszenieren und gleichzeitig Herrschaft – sei es durch Expansionismus wie in der Ukraine und auf Taiwan oder durch Sittenterror wie beim Kopftuchzwang im Iran oder im chinesischen Überwachungsstaat – zu apologetisieren, sind Blaupausen autokratischer Narrative.
Entgegen der weit verbreiteten Annahme, die postkoloniale Opposition zum Westen sei eine emanzipative Angelegenheit, ist darauf zu beharren, dass es nur im Westen überhaupt möglich ist, freiheitliche und egalitäre Glücksversprechen zu denken und zu erstreiten. Dieses Privileg ist den Fundamentaloppositionellen in Russland, China oder dem Iran nahezu vollständig untersagt.
Eine vernünftige Kritik des Westens müsste die Entbehrungen und Mängel des Kapitalismus immanent kritisieren und ihm vorwerfen, dass seine utopischen Fluchtpunkte durch Entgrenzung von Arbeit, sozialer Entfremdung und Entkernung der alten Wohlfahrtsinstitutionen langsam verschüttet werden; anstatt sich der postkolonialen Konterrevolution anzuhängen. Nur in dieser doppelten Kritik – am Verfall der bürgerlichen Gesellschaft und am postkolonialen Autoritarismus – kann eine bessere Zukunft aufgehoben werden.
